"Novemberrevolution 1918?!" - Politischer Spätschoppen mit Dr. Peter Schulze

100 Jahre nach dem Sturz der Monarchie zum Ende des 1. Weltkrieges referierte Dr. Peter Schulze am 8. November im NaturFreundehaus zum Thema, wie sich die Revolution in Hannover und Umgebung gestaltete.


Faktisch fand die Revolution in Hannover nicht statt. Nach der Ankunft von revolutionären Matrosen aus Kiel wurde schnell ein "Arbeiter- und Soldatenrat" gebildet, der sich aus einigen Soldatenräten und den Partei- und Gewerkschaftsfunktionären der SPD und freien Gewerkschaften zusammensetzte. Es gabe keine Demonstrationen, keine Streiks, Kundgebungen liefen ganz im Sinne der Sozialdemokratie ruhig ab und den Arbeitern im Industrievorort Linden wurde vermittelt, "Ruhe und Ordnung" sei das Gebot der Stunde. Eine linke Opposition hatte die SPD nicht zu fürchten, die Unabhängige Sozialdemokratie hatte ganze 20 Mitglieder, Kommunisten gab es keine. Das hinderte die SPD nicht, ihre eigenen Imaginationen über eine "bolschewistische Gefahr" zur gewaltbereiten Abgrenzung nach links mit einem Bündnis mit dem in Hannover ansässigen Generalkommando des Heeres zu verbinden. Dabei war schon diesem Zeitpunkt klar, dass die militärische Führung keineswegs im Sinn hatte, die junge Republik zu unterstützen oder zu verteidigen. Für den "Arbeiter- und Soldatenrat" war es wichtiger, in seinem Mitteilungsblatt auf Seite 1 einen "Geschäftsverteilungsplan" zu veröffentlichen denn Anstrengungen zu unternehmen, auch die sozialen Forderungen der Massenbewegungen im Reich abzusichern. In Kirchdorf, Egestorf, Langreder wurden "Arbeiter- und Bauern-" oder "Bürgerräte" gebldet, die aber überwiegend Ordnungsfunktionen übernahmen, bevor sie Anfang 1919 wieder verschwanden.

 

Der Rätekongress in Berlin hatte sich im Dezember 1918 zwar für die Wahl zu einer Nationalversammlung und damit für eine parlamentarische Demokratie entschieden. Aber er hatte daran Bedingungen geknüpft: die Zerschlagung der militaristischen Strukturen im Heer und die Sozialisierung der dafür reifen Industrien sowie eine starke Stellung der Arbeiterschaft im Sinne von Mitbestimmung. Für diese Ziele wurden keinerlei Initiativen umgesetzt.

 

Dr. Schulze berichtete von der ersten Bewährungsprobe für die Republik, die im März 1920 von rechten Militärs und Nationalisten durch einen Putsch beseitigt werden sollte. Das Miltär verhielt sich abwartend und blieb "neutral". Dafür schossen bewaffnete Stundenten und rechte Freiwillige auf Arbeiter und ihre Versammlungen. Nur durch einen drei Tage währenden Generalstreik, der von den Arbeitenden auch in Hannover geschlossen geführt wurde, konnte die Republik gerettet werden.

 

Aber auch, wenn SPD und Gewerkschaften hier initiativ wurden, so blieb es doch im Weiteren bei der Ansage, dass man gegen Republikfeinde von rechts mit dem Stimmzettel und geistigen Waffen kämpfen wollte. Diese Taktik wurde bis zur Besetzung des Gewerkschaftshauses in der Nicolaistraße und der Verhaftung der Arbeiterfunktionäre Ende April 1933 - also vor den reichsweiten Aktionen der Nazis am 2. Mai1933 - beibehalten. Die Schutzformation der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" mit zehntausenden von kampfbereiten Mitgliedern in Hannover, wurde auch bei letzten Gelegenheit, die Republik zu retten, nämlich nach der verfassungswidrigen Absetzung der preußischen Regierung am 20. Juni 1932, nicht aktiviert. Dr. Schulze berichtete anschaulich, wie die Verteidiger der Republik vergebens auf ein Signal zum Kampf warteten und teilweise unter Tränen verzweifelt und gebrochen nach Hause gingen. Sie wussten, dass die letzte Gelegenheit zur Verteidigung der Demokratie verspielt war und was nun kommen würde.

Verantwortungslos wurden von der Reichsbannerleitung unbewaffnete Reichsbannerleute auch am Lister Turm zum Schutz einer letzten legalen Wahlversammlung den im Hinterhalt stehenden bewaffneten Nazis ausgeliefert - die Polizei sammelte 151 Patronenhülsen am Tatort auf. Zwei junge Sozialdemokraten wurden hinterhältig von der SA ermordet.

Eine lebhafte Diskussion schloss sich an. Wichtig war neben der anschalichen Darstellung der Verhältnisse in der Region, dass der November 1918 nicht mit falschen Alternativen belegt wird: die Alternative "Paramentarische Demokratie oder kommunistische Diktaur" bestand so nicht. Den Aufständigen ging es um eine entmilitarisierte und soziale Republik mit einer parlamentarischen Demokratie. Weder um die Entmilitarisierung noch um die soziale Fundierung der Demokratie hat sich die Sozialdemokratie, so war es übereinstimmende Meinung, wirklich bemüht.